Die Ikonen

Ein besonderer Schatz in der St. Stephanus-Kir-che sind die Ikonen. Es handelt sich um 20 Tafeln einer russischen Kirchen-Ikonostase, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gemalt wurde und ursprünglich wohl aus 34 Tafeln bestand. Viele der Ikonen, darunter leider auch die Christus- und Mariendarstellung, gingen im Dunkel der Geschichte verloren, die andern haben nach langer Irrfahrt in den Wirren der russischen Revolution und des 2. Weltkrieges in der St. Stephanus-Kirche eine neue Heimat gefunden. Die Stephanus-Gemeinde nimmt damit eine Tradition auf, die sechs Generationen von Menschen in Rußland gepflegt haben, indem sie vor diesen Bildern gebetet und gedankt haben. Die Verehrung der Ikonen gilt nicht einem von Menschenhand geschaffenen Bildwerk, sondern dem Urbild, das für die Gläubigen auf geheimnisvolle Weise gegenwärtig ist. Theodorus von Konstantinopel schreibt dazu im 8. Jahrhundert: "Wie zu einem Siegelstempel der Abdruck gehört, zu einem Körper der Schatten, so gehört zu jedem Urbild ein Abbild".

Aus der Bewahrung der Ähnlichkeit zum Urbild resultiert die Kultfähigkeit der Ikonen. Aus diesem Glauben haben sich die Legenden von den authentischen Bildern Christi und Mariens gebildet. Wie für Christus das Mandylion, der Abdruck seines Antlitzes auf einem Linnentuch authentisch für das Aussehen des Herrn gilt, so entsteht um 500 die Legende, der Apostel Lukas habe die Gottesmutter "nach dem Leben" gemalt: Somit gelten die ihm zugeschriebenen Bildnisse ais wahre und absolut ähnliche Darstellungen. Um das überlieferte Bild weiterzugeben, musste der Ikonenmaler sich streng an die Regeln der orthodoxen Malkunst halten. Malbücher mit festen Vorlagen waren üblich. Nach der Überzeugung der orthodoxen Kirche ist in den Ikonen geistig-gnadenhaft die Kraft der heiligen Person gegenwärtig, die sie darstellen. Will man in einer heilsgeschichtlichen Schau die Ikonen in der St. Stephanus-Kirche in einen Zusammenhang bringen, so geht man am besten von dem großen Rundschild in der Apsis aus. Hier ist Christus als das wahre Opferlamm dargestellt. In unvergleichbarer Dichte bringt diese Ikone alle wichtigen Aspekte der Christologie zur Sprache: Sie zeigt uns Christus als Kind unter dem Geburtsstern von Bethlehem in einer Krippe, die zugleich die Form einer Patene (Diskos) mit hohem Fuß andeutet. Christus ist das wahre Opferlamm, das für uns geschlachtet wurde. Zwei Diakone als Vertreter der himmlischen Gemeinde neigen sich in Anbetung vor Christus und dem Geheimnis seiner Geburt und seines Opfers. Der sich in spätbyzantinischer Zeit verbreitende Bildtypus des "Melismos"(griech. "der Zerteilte") ist nach dem liturgischen Akt des Brotbrechens benannt. Was in dieser Rundikone dargestellt ist, vollzieht sich sakramental auf dem Altar: Christus kommt in Gestalt des eucharistischen Brotes zu den Menschen, bringt sich dem Vater als Opfer dar und wird den Gläubigen zur geistigen Speise gereicht.

Diese Gedanken greift auch die Ikone auf, die über dem Sakramentshaus hängt. Es ist Christus, der Allherrscher (Pantokrator), der in seiner Gottheit und Menschheit in das Brot eingegangen ist, um seine Jünger zum ewigen Leben zu führen. Die Christus-Ikone ist geprägt von einem heiligen Ernst, wie es der frühen byzantinischen Auffassung entsprach. Das schmale Oval des Gesichtes ist umschlossen von langem, in der Mitte gescheiteltem Haar. Auf der Stirn ist eine Locke angedeutet. Diese Haarsträhne, die wir auf Darstellungen vieler Heiligen finden, weil sie Abbilder Christi sind, ist ein altes Glückszeichen, das in unserem Sprachgebrauch als "Glückssträhne" weiterlebt. Die Nase ist lang und fein, der Mund klein, die Lippen sind geschlossen. Die Augen folgen dem Betrachter, wohin er auch geht. Diese Ikone wurde vor 200 Jahren mit einer handwerklich hervorragend gearbeiteten Metallhülle (Oklad) geschmückt, vermutlich als Dank für erhörte Bitten. Auf dem Oklad sind die Kreuzesbalken und die Monogrammierung IC XC = IS CHS (Jesus Christus) eingearbeitet, die auch auf den vom Metall verdeckten Flächen der Ikone zu finden sind.

Die beiden Tafeln über dem Eingang zur Sakristei stellen in Doppelikonen zwei Cherubim und einen Seraphim mit je drei Flügelpaaren dar. Am göttlichen Leben haben bereits jene Wesen teil, die wir Engel, Boten Gottes, nennen und unter denen nach Aussagen der Heiligen Schrift die Cherubim und Seraphim am Throne Gottes stehen und ihm den ewigen Lobpreis des "Heilig, heilig, heilig" darbringen. Die Cherubim werden auch als "Flammende und Vieläugige" bezeichnet und erscheinen oft als rotfeurige Flügelwesen. Nach Überzeugung der orthodoxen Christen sind die himmlischen Wesen beim Gottesdienst der Gläubigen zugegen; Christus ist der gemeinsame Herr der irdischen und himmlischen Kirche. Engel und Menschen sind so in geistiger Bruderschaft geeint. Mit ihnen sollen auch wir in den Lobpreis Gottes einstimmen. Über dem Ambo, wo das Wort Gottes in den Lesungen und in den Predigten verkündet wird, hängt eine Marien-Ikone. Sie wurde um 1800 gemalt und stellt Maria als Wegführerin (Hodegetria) dar. Der Beiname dieser Ikone "Muttergottes von Tichvin", kurz "Tichvinskaja", geht auf die Gewohnheit russisch-orthodoxer Maler zurück, solche Marienbildnisse zum Vorbild zu wählen, denen Wunderkräfte zugeschrieben wurden. Wie das göttliche Wort durch Maria Fleisch annahm und als Mensch geboren wurde, so sucht es sich hier unter der Ikone seiner Mutter immer aufs neue Zugang zu den Menschen, um in ihnen Gestalt zu werden. Hier erfüllt sich das Wort Jesu: "Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter" (Mt 12,50). Maria weist mit ihrer Rechten auf ihren Sohn und spricht wie beim Wandlungswunder in Kana zu uns: "Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5)

Die Brüstung der Orgelbühne zieren Ikonen des Evangelisten Lukas, des heiligen Stephan von Perm und des heiligen Basilius, eingerahmt von vier koptischen Triumphkreuzen. Lukas, dem wir jenes Evangelium verdanken, das uns Jesus besonders als den Heiland der Sünder, der Ausgestoßenen und Entrechteten vor Augen führt, war Grieche von Geburt. Er verkündete die Botschaft von der in Christus erschienenen Liebe Gottes im heidnischen Römerreich. Wie bereits erwähnt soll Lukas die ersten Bildnisse der Gottesmutter gemalt haben. Die Maler wählten ihn zu ihrem Patron. Bernhard Shaw hat einmal gesagt, dass Lukas durch seinen Marienhymnus mit Worten ein so zauberhaftes Bild Mariens entworfen habe, dass ihm die Verbildlichung leicht gefallen sein müsse. Der Evangelist ist in ganzer Gestalt dargestellt, mit einem roten Mantel über einem grünen Untergewand. Mit beiden Händen hält er ein geschlossenes Evangelium. Er bewegt sich auf den Mittelpunkt der Deesis-Reihe zu, auf den thronenden Weltherrscher Christus, der in der ehemals vollständigen Ikonostase rechts von ihm zu denken ist.

Stephan von Perm war im 14. Jahrhundert der "Erleuchter" nordrussischer und finnischer Stämme. Seine Darstellung ist in der Ikonostase zweifach vorhanden. In der Reihe neben der Königstür (in der Marienkapelle) ist der Heilige als zweiter von links als junger Mann mit dunklem Bart zu finden. Der "weiße" Stefan von Perm auf dieser Tafel ist im bischöflichen Ornat, in ganzer Gestalt und en face dargestellt.

Der heilige Basilius der Große, wurde 329 in Caesarea in Kappadokien geboren. Er ist der Vater des ostkirchlichen Mönchstums, wurde 370 Bischof von Caesarea und Metropolit von Kappadokien. Er gilt als der bedeutendste der drei kappadokischen Kirchenlehrer und starb im Jahre 379. Dargestellt ist Basilius in halber Figur; seine rechte Hand hat er zum Segen erhoben, die linke hält ein geschlossenes Buch. Der dunkle, spitze Bart fällt bis auf die Brust herab.






Quellenangabe

Alle Ausführungen zur Kirche außer den Heiligen Legenden:

Kleiner Kunstführer durch St. Stephanus, Münster Zweite, erweiterte Auflage 1993
Herausgeber: Kath. Pfarrgemeinde St. Stephanus, 48151 Münster
Textvorlage: Professor Dr. L. Lahrmann, Dr. L. Heiser, L. Mikus, H. Löker
Redaktion: W. Poeplau
Fotos: Bischop, Bodenhausen, Deymann, Eick, Poeplau, Klose, Franz Niesing, Ewald Ikemann