St. Stephanus ist eine Pfarrgemeinde mit etwa 2800 katholischen Christen in Münsters Aaseestadt, einem Wohngebiet, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Sie gehört zu den ersten Kirchen des Bistums Münster, die, ausgehend von den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, als Gemeindezentrum geplant wurden.
Der moderne Kirchbau versucht eine Hinwendung zur Welt, versucht Gemeinde mit der Umwelt zu verbinden. Der Bezirk um die Kirche - in früheren Zeiten als Kirchhof auch Mittelpunkt des Alltagslebens - erlebt als Zentrum der Gemeinde eine Aufwertung. Auf dem Grundriss eines unregelmäßigen Fünfecks hat der Kölner Architekt Hans Schilling Marienkapelle, Pfarrheim und Jugendräume, Bücherei, Kindergarten, Küsterwohnung und Pfarrhaus auf die Kirche hingeordnet. Ein großer Innenhof ist als Ort der Kommunikation, für Begegnungen und Feste gedacht. Die Zugänge nehmen die Verbindungswege zu den umliegenden Straßen auf, der Ziegelstein der Gebäudegruppe passt sich der Nachbarbebauung an. Der Chorraum der Kirche ragt mit 23 Metern Höhe wie ein Schiffsbug in den Himmel. Die konchenförmig geschwungene Außenwand ist schlicht und ungegliedert bis auf ein schmales Fensterband unterhalb der Dachtraufe. An der westlichen Seite des Hauptschiffes rufen drei Posaunenengel, von Josef Krautwald (Rheine) in Bronze gegossen, die Gläubigen zum Gottesdienst.
Die nordwestliche Ecke der Kirche geht über in einen Treppenturm, der ursprünglich nur als Aufgang zur Orgelbühne gedacht war, in Ermangelung eines gesonderten Glockenturms aber auch die Glocken der St. Stephanus-Kirche aufnahm: eine "e'-Glocke mit der Inschrift "Zur Messe rufe ich!", eine Johannes-Glocke ("cis") mit dem Satz" Ich bin die Stimme, die ruft, kehret um, schaut auf den Herrn!" sowie eine Marienglocke ("fis") mit der Inschrift: "Maria, Mutter Gottes, meine Seele preist die Größe des Herrn!"
Der Turm wird geschmückt von einer Art Mobile, einer Spirale aus Kupferblech, die in einem Kreuz endet. Die Münsteraner Bildhauerin Hilde Schürk-Frisch schuf diese ungewöhnliche Bekrönung als Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes, der die Menschen in Bewegung setzt für Christus, damit die Botschaft von Kreuz und Auferstehung in alle Welt getragen wird.
Die Bronzetür des Hauptportals von St. Stephanus entwarf ebenfalls Hilde Schürk-Frisch. Gegossen wurde die Tür in Köln im Sandformverfahren. Die bildnerische Gestaltung ist außerordentlich bewegt. Über die beiden Türflügel hinweg durchziehen plastisch hervorgehobene Bänder die Fläche, verflüchtigen sich im Hintergrund oder verdichten sich zu größeren Flächen, die bei zunehmender Plastizität Gestalten erkennen lassen. Der Blick wird auf eine Stelle gelenkt, wo sich aus der Fülle der angedeuteten Gestalten ein kniender Mensch hervorhebt, der mit ausgebreiteten, erhobenen Armen und weit nach hinten geneigtem Kopf emporschaut. Die Umstehenden weisen mit ausgestreckten Armen und Zeigefingern auf ihn.
Unwillkürlich wird der Betrachter hineingenommen in die Gruppe, in den zeitlichen und räumlichen Bezug. Erahnt wird, was die Künstlerin die "Große Pilgerschaft der Menschheit" nennt: Unzählige Menschen sind auf dem Weg, einige nur angedeutet, andere näher, konkreter, erkennbarer "Unten links, innerhalb der Vielen kniet ein Einzelner. Er ist niedergesunken, Gesicht und Hände in Ergebenheit ausgerichtet auf Gott: ein Bildnis des heiligen Stephanus."
Stephanus wurde im Jahre 34 wegen seines Bekenntnisses zu Christus in Jerusalem gesteinigt. Er ist der erste Märtyrer der Kirche. Sterbend betete er für seine Peiniger: "Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!" (Apg 7,59)
Die Gruppe um den Knienden weist mit Fingern auf ihn. Viele spitze, harte Finger. Nicht Steine - Finger töten. Finger - Ausdruck hetzender und verletzender Reden, Vorwürfe, Verleumdungen. Rasch gesprochene Todesurteile.
Die Namen von Blutzeugen unserer Zeit tragen die Straßen rings um die St. Stephanus-Kirche - Namen von Widerstandskämpfer gegen ein Reich menschenverachtender und zerstörender Gewalt: Goerdeler, von Witzleben, von Stauffenberg, Klausener, Bonhoeffer, Delp ...
Durch das Kirchenportal treten wir von dem Draußen in ein Drinnen ein, aus der geschäftigen Welt in die Stille eines geweihten Raumes. Tür - Trennung zwischen "Markt und Heiligtum" (Guardini), zwischen dem, was der Welt gehört und dem Geweihten Gottes.
Aber wir bringen sie mit, diese Gedanken einer geschäftigen Welt, die Sorgen des Alltags, die persönlichen Nöte, den Schmerz, die kleinen und großen Katastrophen unseres Lebens. Sie gehen mit uns durch die schwere Bronzetür - und verlieren vielleicht ein wenig von ihrer drückenden Last.
"Hier geht man hinein, um Gott zu lieben", heißt es auf einem bronzenen Spruchband am Seitenportal der Stephanuskirche.
Alle Ausführungen zur Kirche außer den Heiligen Legenden:
Kleiner Kunstführer durch St. Stephanus, Münster Zweite, erweiterte Auflage 1993
Herausgeber: Kath. Pfarrgemeinde St. Stephanus, 48151 Münster
Textvorlage: Professor Dr. L. Lahrmann, Dr. L. Heiser, L. Mikus, H. Löker
Redaktion: W. Poeplau
Fotos: Bischop, Bodenhausen, Deymann, Eick, Poeplau, Klose, Franz Niesing, Ewald Ikemann